Gewalltige Beziehungen- Wie wird das Kind zur Waffe (Uli Alberstötter)

In dem Dossier von Matthias Weber / Uli Alberstötter / Herbert Schilling (Hrsg.)  ISBN 978-3-7799-0774-9 wird beschrieben das Extremkonflikte zwischen Eltern zu einer neuem Gewalt-Verständnis führen muss. Speziell dann wenn die Macht des hauptsächlich betreuenden Elternteils (HbE) über das Kind als Mittel in der Gegnerschaft mit dem getrennt lebenden Ex-Partner und Elternteil (GE) als Waffe eingesetzt wird. In solchen Trennungs-Konflikten werden gerichtliche Anhörungen des Kindes sinnlos, da das Kind loyal zu seinem HbE stehen wird. Dies spiegelt sich dann im Verhalten des Kindes wider:

"Mit der Zuschreibung einer grundsätzlichen Autonomie des Kindeswillens unterschätzt Dettenborn auch die gebundene Rolle des jüngeren Kindes im Trennungskonflikt. Aufgrund der besonderen Bezogenheit des Kindes auf den HbE gerade in der Trennungssituation, in der das Kind vermehrt nach Sicherheit sucht angesichts einer unsicher gewordenen Familienwelt, befindet sich das Kind in einer existentiellen Abhängigkeit vom HbE. Die Angst im Trennungskonflikt aktiviert somit das Bindungsverhaltenssystem und lässt häufig ein auffallend anhängliches Verhalten zum HbE sichtbar werden. Das jüngere Kind weicht nicht von seiner Seite, klammert sich ängstlich an ihn. Versuche des GE, das Kind mit Worten zu beruhigen und so die Verklammerung mit dem HbE zu lockern haben in angespannten Situationen zwischen den Eltern regelmäßig eine gegenteilige Wirkung. Das Anklammern nimmt eher zu, womöglich begleitet von verbalen Zurückweisungen gegenüber dem GE und/oder Willensäußerungen, die seinen Widerstand gegen alle Ablösungsversuche vom nahen HbE zum Ausdruck bringen. Aus dieser Intensität des situativ bedingten Zuwendungsverhaltens zum HbE und des geäußerten Kindeswillens kann jedoch nicht notwendigerweise auf eine mangelnde Qualität der Bindung zum anderen Elternteil geschlossen werden. Das anklammernde Verhalten an den HbE und die damit korrespondierenden Ablehnungsäußerungen des Kindes gegenüber dem GE beim Aufeinandertreffen der Eltern werden leider häufig und vorschnell fehlinterpretiert im Hinblick auf die grundsätzliche Bindung des Kindes zum GE. Der auch im Elternstreit vorausgesetzte autonome Wille des Kindes erscheint so gesehen als Ausdruck eines ideologisch idealistischen Freiheitskonstrukts, das die Kräfteverhältnisse zwischen der kindlichen Willensbildung und den Wirkmächten des überaus stressigen Trennungskontextes völlig verkennt."

Es entsteht damit sukzessive Ausgrenzung des GE aus dem Leben des Kindes, wenn dies nicht frühzeitig von den Professionen erkannt und gezielt unterbunden wird. Falls diese untätig bleiben, dann wird der GE an der Entwicklung des Kindes immer weniger teilhaben können. Er verliert zunehmend an Einfluss. Die Autoren beschreiben dies wie folgt:

"Deutungsmacht und Definitionshoheit über das Wohl und den Willen des Kindes Deutungs- und Definitionsmonopol über das Wohl des Kindes Es geht hier um Phänomene, die deutlich machen, dass der HbE im Konflikt wie eine Besatzungsmacht agiert, die auf dem besetzten Territorium Kindeswohl die Alleinherrschaft beansprucht. Wahrnehmungen und Meinungen des GE werden niedergehalten. Je stärker der Konflikt eskaliert ist, umso flächendeckender weitet sich die Deutungsmacht des HbE aus. Im Extremkonflikt erstreckt sie sich auf alle Lebensbereiche des Kindes wie Versorgung, Pflege, Gesundheit, Erziehung, Ernährung, Schule, soziale Kontakte und nicht zuletzt auch auf die Beziehung des Kindes zum GE etc. Ein Austausch unterschiedlicher Beobachtungen, Erklärungen und Bewertungen darüber, wie es dem Kind in den unterschiedlichen Lebensbereichen geht, kommt völlig zum Erliegen. Der Idee einer sich ergänzenden Elternschaft im Sinne einer grundsätzlichen Gleichheit der Mutter- und Vaterrolle oder wechselnder Machtverhältnisse bezogen auf die unterschiedlichen Lebensbereiche des Kindes ist der Boden entzogen. Das auf wechselseitiger Ergänzung basierende Wahrnehmungsspiel „ich sehe was, was du nicht siehst“, wie es in einer kooperierenden Elternschaft funktioniert, ist untergegangen. Es herrscht die unfehlbare Alleinwahrnehmung des HbE mit einer Top-downKommunikation gegenüber dem GE. Beim Aufeinandertreffen, wie den Übergaben des Kindes, in Beratungssituationen oder im Mailverkehr (in dem der Berater mitunter cc gesetzt ist) herrscht dementsprechend ein entschiedener Ton, der keinen Widerspruch duldet. Die Einbahnstraßen-Kommunikation ist angefüllt mit 6 eindeutigen Setzungen und Ansagen, in denen es nur eine Wahrheit gibt, imperativen Weisungen mit detaillierten Instruktionen zum einzig richtigen Handeln und ultimativen Androhungen von Konsequenzen, wenn die Anforderungen nicht erfüllt werden („wenn-nicht ... dann ... !!!“). Es herrscht der Sprachduktus des in der Welt des Kindes AlleinWissenden und -Regierenden – „basta“. Wissen ist Macht. Aufgrund des Zusammenlebens mit dem Kind verfügt der HbE faktisch immer über ein Mehr-Wissen und Erfahrungsüberlegenheit, die jedoch im Extremkonflikt auf eine erniedrigende Weise in Wort und Tat ausgespielt werden. Der HbE hat immer Recht."

Im weiteren Verlauf des Dossiers werden viele Beispiele genannt, welche die Konsequenzen des Machtmißbrauchs über das Kind zur Folge haben.....

Der Link zum kompletten Dossier finden sie hier.