Wechselmodell versus Referenzmodell

Seit längerer Zeit ist unter diversen Professionen und auch zwischen den Eltern eine heftige Diskussion über das „richtige“ Betreuungsmodell für die Kinder nach der Trennung und Scheidung entstanden. Im juristischen Jargon geht es um das „Aufenthaltsbestimmungsrecht“, also wo, wie lange und wann sich das Kind beim getrennten Partner aufhält. Zusätzlichen Zündstoff erhielt die Thematik dadurch, dass sich der Bundesgerichtshof im Februar 2017 dafür aussprach, unter bestimmten Umständen dem „Wechselmodell“ gegenüber dem „Residenzmodell“ den Vorzug zu geben, mit anderen Worten, dass es unter bestimmten Bedingungen auch gegen den Willen des Expartners juristisch durchgesetzt werden kann. Das BGH Urteil wurde insbesondere von den bislang beim Residenzmodell zu kurz gekommenen Vätern dankbar aufgegriffen.

Das BGH Urteil ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber mehr auch nicht. Gerade die Formulierung „entsprechende Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit“ öffnet Gerichten, welche dem Wechselmodell skeptisch gegenüber stehen Tür und Tor für dessen einzelfallbezogene Ablehnung. Hier werden auch wieder qualitativ meist die mangelhaften Gutachten eine erhebliche Rolle spielen und die Tatsache, dass das Wechselmodell sowohl bei den Juristen als auch bei den Psychologen in der familiengerichtlichen Praxis überwiegend skeptisch gesehen wird. Selbst der BGH ignoriert die positiven Erfahrungen aus Skandinavien, wenn er der Meinung ist, dass das Wechselmodell als konfliktreduzierende Maßnahme nicht in Betracht kommt. Andererseits deutet der BGH an, dass einer Anordnung im einstweiligen Verfahren bei einer akuten Trennungssituation grundsätzlich nichts im Wege steht. Eine entsprechende kritische Meinung ist auf entsprechendem Link zu finden. Strategien im Falle eines Gerichtsverfahren finden Sie hier.

Reichlich Erfahrungen zum Thema Wechselmodell gibt es von Jan Piet H. de Man. 

Der Dipl. Kinder- und Familienpsychologe und anerkannte Scheidungs- und Familienmediator sammelt seit 1984 die Tatsachenforschungen über das Wohl der Trennungskinder, insbesondere bei (annähernd) paritätischer Doppelresidenz.  Im belgischen Parlament hat er damit für das Gesetz von 2006 beigetragen, das die paritätische Doppelresidenz im belgischen Familienrecht eingeführt hat.  Er hat das "Europäische Institut für das Wohl des Kindes“ gegründet („Institut Européen pour l’Intérêt de l’Enfant“) und war 2014 in Bonn Mitgründer des „International Council on Shared Parenting" ICSP („Int. Rat für Paritätische Doppelresidenz“).

Jan Piet H. de Man hielt 2014 am Dresdner Familienkongress einen entsprechenden Fachvortrag zum Thema Wechselmodell (siehe Link). Er erstellte ein aussagekräftiges Dossier, was die Erkenntnisse des Wechselmodells in Belgien und anderen Regionen zusammenfasste (siehe Link).

Diese sind wie folgt:

- Die Lebenszufriedenheit von Kindern im Wechselmodell ist insgesamt höher als im Residenzmodell.
- Auch nicht persönlich betroffene Kinder favorisieren das Wechselmodell als Betreuungsform.
- Die Vorteile des Wechselmodells aus Sicht der Kinder sind:
     • Enger Kontakt und gute Beziehung zu beiden Eltern
     • Eine bessere Beziehung zu jedem einzelnen Elternteil
     • Abwechslung und eine „Auszeit“
- Studien über die Zufriedenheit von Kindern mit ihrem Betreuungsmodell haben im Wechselmodell insgesamt eine höhere Zufriedenheit angetroffen als im Residenzmodell.“

Somit plädiert er klar für ein Wechselmodell. Weitere Verfechter dieses Modells sind Angela Hoffmeyer und Prof. Dr. jur. Hildegund Sünderhauf, die u.a. über die Seite https://www.doppelresidenz.org/ energisch für das Wechselmodell werben.

Es bleibt Ihnen zu wünschen, dass die Professionen in Deutschland bereit sind dies anzunehmen und entsprechend umzusetzen. Deutschland bleibt hier nach wie vor Entwicklungsland und macht es nach wie vor schwierig den Eltern für ihr Kind eine einfache Lösung zu finden. Die mögliche Reibungspunkte für Trennungs-Eltern, werden also auch nach dem BGH Urteil nicht weniger.